Sibylle Lewitscharoff und Hans Joas im Gespräch

„Kopf ab zum Gebet“? – Kurt Tucholsky stand Pate für die Diskussion zwischen Sibylle Lewitscharoff („Das Pfingstwunder“) und Prof. Dr. Hans Joas („Die Macht des Heiligen“).

"Dass Sie Sprache wirklich brauchen, merken Sie immer dann, wenn Sie anfangen darüber nachzudenken, dass Sie etwas nicht sagen können", so Akademiedirektorin Dr. Ruth Bendels einleitend: „In der Literatur ist das Sprechen von der Unsagbarkeit ein Topos, changiert zwischen rhetorischer Verwendung und einem sprachskeptischen Gestus. Selten aber leitet es ein Schweigen ein. Wenn man das Gefühl hat, über Religion nicht, nicht mehr?, sprechen zu können, dann fehlt etwas, eine Verbindung …“ Warum fehlt sie? Können wir heute, poetisch und wissenschaftlich, nicht mehr „intellektuell satisfaktionsfähig“ über Glauben sprechen?

„Als träumende Geschöpfe sind wir doch hirnlich begabt dazu, … uns in Dinge zu versetzen, die weit über unseren Körper hinausgehen“, ist Lewitscharoff überzeugt, für die es „ein absolutes Muss der Literatur“ sei, „sich auch dem zu widmen“: „Meine dezente Verachtung für eine nur realitätsverbackene Literatur ist groß, … weil sie etwas Wesentliches im Menschen nicht berührt, nämlich seine Sehnsucht.“ Diese Sehnsucht, ergänzt Joas, der in seinem Buch "Die Macht des Heiligen" „eine Sozialtheorie des Heiligen“ (Kramatschek) vorlegt, „bedürfe der Artikulation in komplexen Symbolisierungen“. Allerdings gäben bestimmte Ausdrucksformen religiöser Traditionen ihren Sinn nicht mehr so leicht her. Neue Formen müssten gefunden werden oder alte neu mit Leben gefüllt.

„Wir rudern im Moder des Realismus“, so Lewitscharoff, so dass „wir Spuren der Seligkeit … schwerlich zu fassen bekommen. ... Da ist eine Leere entstanden, die muss man ernstnehmen!“ Diese Leere könne zu ganz verschiedenen Ver-Heiligungen führen, so Joas – und das Heilige sei durchaus nicht automatisch das moralisch Gute: „Auch das Diabolische und das Dämonische sind Formen des Heiligen, aber die, vor denen wir uns hüten sollen. … Das Spektrum der moralischen oder politischen Qualität von Religionen und von anti-religiösen Bewegungen ist jeweils riesig.“ Wolle man die Erfahrung des Heiligen ernstnehmen, bleibe nichts anderes übrig als zu versuchen, zu verstehen, „warum für ganz verschiedene Menschen ganz Verschiedenes heilig ist.“
Insbesondere gebe es - trotz des "realitätsverbackenen Realismus" (Lewitscharoff) moderner Kunst, Musik und Literatur - viele Menschen, für die ästhetischen Erfahrungen eine wesentliche Annäherung an religiöse Erfahrungen seien. Daran gelte es, anzuknüpfen.

Text und Bilder: André Kreye (c) Akademie St. Jakobushaus

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