Vor Ort sein - Schlaglichter auf Kirchenentwicklung

Akademiedirektorin Dr. Ruth Bendels eröffnete die Tagung mit einem Blick auf eine Kirchenmitgliedschaftsstudie von 2018, in der die Motive für eine Kirchenmitgliedschaft untersucht wurden und festgestellt wurde, dass 41 % aller Katholik_innen austrittsgefährdet seien. Bendels beschreibt die Dynamik, die bei ihr entstanden sei, als sie die Aufgliederung der Kirchenmitgliedschafts-Gründe in die einzelnen Milieus gelesen habe, mit den Worten: „Man setzt einen Fokus auf das Retten des festen Kerns der Nutzer von Kirche. Ich frage mich, wie erhalte ich die traditionellen Bekenner und wie verlangsame ich das Wachsen der Austrittsbereitschaft?“ Stattdessen müsse die Frage lauten: Wenn Kirche für alle da sein will, welche Sehnsüchte und Bedürfnisse haben dann die verschiedenen Gruppen, die nicht (mehr) kirchlich sind? Und wie viel Mühe müsste man eigentlich aufwenden, um mit Menschen in Kontakt zu treten, „die etwas anders denken, aufgewachsen sind, in anderen Netzwerken unterwegs sind als man selber“?

Prof. Dr. Carolin Zeller von der Quadriga Hochschule Berlin leitete Ihre Überlegungen zur Tagung mit den Fragen ein: Was hat moderne Kommunikation mit der Kirche gemacht? Und wie muss Kirche anders auf ihre Zielgruppen zugehen? Sie beginnt ihre Bestandsaufnahme mit der Feststellung einer Fragmentierung der Gesellschaft: Es gibt immer mehr Angebote, aber jedes einzelne hat weniger Mitglieder. Das gelte auch für Kirche. Zugleich gebe es immer mehr projektbezogene Nachfrage.

Auf der Ebene des Medienkonsums habe sich die Nutzung stark verändert: „Digital Natives“ informierten sich praktisch rund um die Uhr. Hinzu trete eine Fokussierung weg vom Text hin zum Bild sowie der Wunsch, Dinge unmittelbar kommentieren zu können.

Das unter jungen Menschen meistgenutzte Medium sei Youtube, wogegen Tageszeitungen praktisch keine Rolle mehr spielten. Sie konsumierten alles, was ihnen wichtig ist, sofort, augenblicklich per Smartphone. Das führe zu größerer Ungeduld, auch mit der Kirche: „Warum hat sich die Kirche 48 Stunden dazu nicht geäußert? 48 Stunden ist im Social Media-Zeitalter ein Jahrhundert. […] Einmal im Jahr der Gemeindebrief ist Dinosaurierzeitalter.“ Kirche müsse so kommunizieren, dass es Relevanz für Menschen außerhalb der eigenen „Blase“ habe.

In der Diskussion kam die Frage nach dem „Wie kann das gelingen?“ auf, die Frau Zeller kurz und bündig so beantwortete: „Gehen Sie und suchen Sie einen ‚Digital Native‘, der für Ihre Gemeinde Social-Media-Arbeit macht!“

Dr. Christian Hennecke, Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim, fasste als Beobachter der bisherigen Diskussion zusammen, angesichts des bisher Gehörten wundere es ihn überhaupt nicht, dass „wir vom Untergang eines Paradigmas in Sachen Kirche sprechen“. Damit habe er auch keine Schwierigkeiten: Das Zweite Vatikanische Konzil habe die Adressatenorientierung der biblischen Botschaft zum Kern des Glaubens gemacht, und dies unterscheide sich radikal vom Fokus:  Erhaltung von Kirchen. Es gehe darum zu entdecken, was in all der neuen Kommunikation Zeichen der Gegenwart Gottes seien. Die Frage müsse darum auch lauten: „Was sagen uns die neuen Kommunikationsmedien über unsere Botschaft und wie wir sie auszurichten haben?“ In der kirchlichen Kommunikation gehe es zumeist um den Erhalt der eigenen Kultur und dass die anderen, die jüngeren, so werden müssten wie wir Älteren. Vielleicht, so fährt Hennecke fort, „haben wir das Problem“, weil wir aufgrund unserer Erfahrungen in vergangenen Zeiten meinten, Kirche sei in ihrer jetzigen Form normativ oder theologisch wesentlich. „Wir haben zu sehr auf Selbsterhalt gespielt“, zitiert Hennecke zum Abschluss den protestantischen Theologen Karl Bonhoeffer, „und damit werden wir unfähig zur Kommunikation.“ Bonhoeffers Lösung laute: „Das Tun des Gerechten unter den Menschen.“ Das sei das, so Hennecke, was wir heute Adressatenorientierung nennen: das demütige Mit-Anderen-Sein.

Die Nachmittags-Einheit begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Peter Dirksmeier, Kultursoziologe an der Leibniz Universität Hannover. Er stellte die Frage nach der Rolle von Urbanität für die Gesellschaft und leitete seinen Vortrag mit der These ein, Urbanität werde spätestens seit Beginn der Moderne von den jeweils Herrschenden als gefährlich und bedrohlich beobachtet. Er verdeutlichte dies mit zwei Beispielen. Einerseits habe im Paris des 19. Jahrhunderts ein Stadtumbau stattgefunden, der den Zweck hätte, durch breite Straßen und die kürzesten Verbindungen zwischen zwei Orten die Stadt gegen Bürgerkrieg zu wappnen. Andererseits beruhten Vorstellungen von Urbanität in den 1920er Jahren nicht unerheblich auf denen von jüdisch-großstädtischem Leben: Urbanität habe Entwurzelung des Großstädters bedeutet, genauso wie Jüdinnen und Juden als wurzellose, keinen Boden besitzen dürfende Vagabundinnen und Vagabunden gezeichnet worden seien.

„Urbanität als Pluralität schockierte“, so Dirksmeier, Kulturpessimisten hätten in der Großstadt „mit all ihren Nischen und dunklen Ecken, abweichenden Lebensentwürfen und sexuellen Freiheiten“ ihren „natürlichen Feind.“ Aber Urbanität sei nicht einfach da, sondern biete Möglichkeiten der Interpretation, und das mache sie aus dem Blickwinkel der Herrschenden verdächtig, denn sie sei „das Gegenteil von Ordnung und Hierarchie“. Da überrasche es nicht, dass Urbanität auch für Religionsvertreter_innen problematisch sei, denn „Urbanität und Säkularisierung scheinen in der westlichen Moderne aufs Engste verflochten.“ Um diese herkömmliche Sicht zu überwinden, empfiehlt Dirksmeier am Schluss seines Vortrags: „Eine Urbanität, die nicht gleichzeitig Säkularisierung bedeutet, ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn die Kirche sich als Teil der gesellschaftlichen Pluralität begreift und als ein solcher Teil attraktiv wird. Sie muss sich auch und gerade in der Provinz als Teil der gesellschaftlichen Pluralität verstehen. Urbanität wäre folglich nicht länger gefährlich oder bedrohlich, sondern extrem bereichernd und nützlich für die Kirche.“

Pater Christian Herwartz SJ berichtete von seinen Erfahrungen mit Straßenexerzitien, die er seit vielen Jahren begleitet: „Ich würde Sie am liebsten alle auf die Straße schicken“, so Herwartz, „denn wenn man jemanden auf die Straße schickt, muss man ihn in die Aufmerksamkeit schicken.“ Wie wird man aufmerksam an einem Ort, an dem man oft ist? Im Lukasevangelium schickt Jesus 72 Jünger_innen unter die Leute und gibt ihnen als Regel mit auf den Weg, die Schuhe auszuziehen, wenn sie zu Gast sind. Metaphorisch gelte dies auch für Straßenexerzitien: „Welche Schuhe musstest du ausziehen?“ Und man gehe auf die Straße mit seinen Sehnsüchten. Man müsse ins Fremde gehen, um das Eigene sehen zu können.

Anschließend betrachtete er mit exemplarischen Ausführungen das Werk eines Flensburger Künstlers, das mit Erde aus dem Garten Gethsemane gestaltet worden war. In der Mitte des Werks befindet sich ein goldener Kreis, und Herwartz assoziierte die Flüchtlingslager in der Türkei und am Mittelmeer und die Frage der dort Lebenden: „Kommen wir überhaupt in Europa an?“ Er verglich dies mit der Emmaus-Geschichte und legte diese aus. Und er ärgere sich darüber, dass die Kirche den Satz weglasse: „‚Noch während sie redeten, trat Jesus in ihre Mitte und wünschte ihnen den Frieden.‘ Das“, so Herwartz, „ist das Zentrum von Kirche: Dem Frieden zu dienen.“

PD Dr. Wächter, Leiter der Hauptabteilung Bildung im Bistum Hildesheim, nahm als Beobachter des Nachmittags-Blocks folgende Punkte in den Blick: „Vor Ort ist, wo die Menschen sind, wo sie arbeiten, wo ihr Alltag ist – das ist, was für sie wirklich wichtig ist.“ Im Laufe der Tagung habe er zahlreiche Spannungsverhältnisse ausmachen können: „Einerseits: Verkündet das Evangelium! Andererseits: Die Kirche spielt auf Selbsterhalt.“ Daneben müsse die Spannung Dynamik vs. Stabilität, von Institution und „frei-fluiden Aktionsformen“ erhalten werden. Eine andere Spannung erwachse aus der Diagnose der Fragmentierung menschlichen Daseins, die mehrfach angesprochen wurde und aus deren Erfahrung „die Sehnsucht nach Ganzheit“ resultiere.

Eine weitere Spannung liege in der Erfahrung „hoffentlich unhintergehbarer“ Pluralität vs. „überzeitliche und unwandelbare Wahrheit“, die die Kirche zu verkünden behauptet. Partizipation vs. Hierarchie empfinde er ebenso als Spannung: Partizipation „sei als Signum der modernen Gesellschaft unhintergehbar“ und könne nur noch mit Verweis auf die sinnvolle Funktion von Hierarchie gedämpft werden. Und als letzten Punkt machte Wächter deutlich, dass Individualisierung vor Kirche nicht haltmachen werde. Aber das müsse nicht schrecken, denn all die beschriebenen Prozesse seien Freiheitsgewinne, die in ihrer Spannung zu herkömmlichen Verständnissen von Kirche ausgehalten werden müssten.

Die folgende Abschlussdiskussion widmete sich nochmals ausführlich den Fragen und Herausforderungen des „Vor Ort Seins“. Intensiv wurde an dieser Stelle auch die Frage einbezogen, wie die aktuell bekannt gewordenen Fälle von sexuellem und spirituellem Missbrauch in der Kirche die Auseinandersetzung mit der „Kirche von morgen“ beeinflussen. Einig waren sich die Diskutant_innen darin, dass nicht absehbar sei, was dieser Skandal mit Kirche mache.

Herr Dirksmeier nahm einen Gedanken aus seinem Vortrag nochmals auf und bezeichnete die Singularisierung in der Großstadt als Chance für Kirche im Kümmern um Einsame. Pater Herwartz widersprach, Helfen sei nicht die Kerneigenschaft von Kirche, sondern Folge ihrer Botschaft. Die Kirche auf das Helfende zu reduzieren, verändere ihren Charakter.

Frau Zeller sprach das Thema der Teilhabe von Frauen in der Kirche an und die Notwendigkeit, hier Veränderungen herbeizuführen. Sie glaube, dass die Krise der Kirche noch nicht tief genug sei, um dieses Thema in der gebotenen Konsequenz anzupacken.

Am Ende der Diskussion resümierte Dr. Bendels, dass in Anbetracht der begrenzten Zeit in der Tat nur „Schlaglichter“ geworfen werden konnten. Aber sie hoffe, dass es gelungen sei, interessante Perspektiven und anregende Gedanken aufzuwerfen.

Text und Bilder: André Kreye

Die gesamte Fachtagung wurde grafisch festgehalten. Die Bildergalerie finden Sie hier.

Das könnte Sie interessieren

Wir bieten eine Stelle
FSJ-Politik ab 01.09.
Bewerbung hier

mehr »

Freie Tagungs-Termine:
12.-14.04.
13.-17.05.
30.05.-02.06.
07.-10.06. (ohne Frühstück)
Jetzt buchen!

mehr »

Sibylle Lewitscharoff
und Hans Joas
am 2. April 2019 zu Gast
im St. Jakobushaus

mehr »

Das neue Programm
für das 1. Halbjahr 2019
ist erschienen

mehr »

Das Wetter in Goslar